Storytelling braucht Zeit, manchmal heißt das, Tee zu trinken

Warum wir uns für Storytelling mehr Zeit nehmen müssen

Storytelling: jeder kennts, jeder machts. Aber kaum jemand gut. Der Grund: Wir nehmen uns zu wenig Zeit. 10 Storytelling-Tipps für bessere Recherche.

Stell Dir vor: Plötzlich drängen sich vier Fremde in Dein Wohnzimmer. Einer redet in einer wirren Sprache auf Dich ein, ein anderer blitzt Dir währenddessen mit dem Fotoapparat ins Gesicht. Ein Dolmetscher frägt: Name? Alter? Was sind Deine größten Probleme? Was wünschst Du Dir für Deine Kinder? Bist Du glücklich?

Wie groß wird Deine Bereitschaft sein, diese Fragen zu beantworten? Deutlich kleiner jedenfalls, als die Lust, sich gleich wieder zu verabschieden. Gerade zum ersten Mal die Hand geschüttelt, soll man vor Fremden sein Innerstes ausbreiten. Niemand wird sich da öffnen. Keine Chance. Ausweichend, oberflächlich und schablonenhaft werden die Antworten sein. 

Keine Begegnung, keine Emotion, keine gute Geschichte

So sieht sie aus, und so fühlt sie sich an, die Jagd nach den richtigen Sagern und nach den dramatischen Bildern. Ganz egal, ob im Flüchtlingslager in Jordanien, in der Säuglingsstation der Metropole Kinshasa oder in einer Obdachlosenunterkunft in Deiner Heimatstadt. So schaut es aus, wenn keine wirkliche Begegnung zwischen Menschen stattfindet. Und genau so fühlt es sich für alle Beteiligten auch an. Aber jetzt kommt’s: Auch die Leser*innen und Seher*innen spüren das. Oder besser gesagt: spüren nichts! 

Ruck-Zuck-Besuche bringen Husch-Pfusch-Geschichten.

Es ist absurd: Es geht uns als Geschichtenerzähler*innen doch um die Menschen. Auch die Methode des Storytellings stellt Protagonist*innen ins Zentrum der Geschichte. Und dann werden die Menschen selbst in der Recherche plötzlich nicht wirklich gesehen? Das klassische “Interview”, als Frage-Antwort-Spiel (“Da muss doch die richtige Antwort in dem Menschen drinnen sein, oder?”), ist das denkbar schlechteste Instrument, um wirklich etwas über einen Menschen zu erfahren. Nur logisch: Ruck-Zuck-Besuche bringen Husch-Pfusch-Geschichten.

Storytelling braucht Offenheit und Zeit

Glücklicherweise gibt es ein Gegenmittel. Die entscheidende Zutat für gutes Storytelling ist so naheliegend wie wirkungsvoll: Wir müssen uns mehr Zeit nehmen. Wir müssen beobachten, dabei sein. (Der große Gay Talese nennt das “The Fine Art of Hanging Out”) Wir müssen mehr zuhören, weniger reden. Wir müssen ein Gespräch führen, uns einlassen auf den anderen. Dafür müssen wir uns als Mensch vorstellen, nicht als Reporter*in oder als Geschichtensammler*in. Das heißt nicht, seine Rolle zu verleugnen – man ist und bleibt Eindringling – aber wir müssen unser Gegenüber als Mensch wahrnehmen.

“[…] getting to know real-life characters through research, trust, building relationships. You come to know them so well that they are like part of your private life. I respect these people even though I have written about gangsters and pornographers. I saw the world as they see it.”

Gay Talese, Delving into Private Lives

Insgeheim wissen wir es ohnehin: Wir müssen uns auch selbst öffnen. Wir müssen auch über unser eigenes Leben berichten, vielleicht gar über Ängste, Vorlieben, Schwächen und Besonderheiten reden. Nur so werden wir erfahren, was den anderen umtreibt, was sie oder ihn berührt und was er oder sie ersehnt. Nur wenn wir diese Einblicke bekommen, können wir die Geschichten dieser Menschen überhaupt gut erzählen. Nur so funktioniert die Methode Storytelling. Und nur dann können Leser*innen und Seher*innen sich mit den Menschen identifizieren. Mitleiden, mitleben.

Mehr Zeit, mehr Respekt, mehr Qualität

Sich mehr Zeit zu nehmen, ist vor allem eine Frage des Respekts. Wir müssen dankbar sein, dass uns Menschen ihre Geschichte erzählen und uns erlauben, diese in die Welt zu tragen. Sich wirklich einzulassen kostet Zeit, es kostet Kraft und es kostet Geld. Sich mehr Zeit zu nehmen, ist aber letztlich die entscheidende Voraussetzung für die Qualität und damit die Kraft der Geschichten, die wir erzählen. Wir müssen sie uns nehmen.


10 Storytelling-Tipps für bessere Recherche:

  1. Nimm Dir mehr Zeit: Wie viel? So viel du kriegen kannst! Vier Stunden sind besser als zwei, aber reicht das, um einen Menschen wirklich kennen zu lernen? 
  2. Sei gut vorbereitet: Es ist respektlos, über Hintergründe nicht Bescheid zu wissen, bevor man Zeit für ein Treffen geschenkt bekommt.
  3. Mach Deine Absichten transparent: Warum redest Du mit mir? Was machst Du mit den Fotos? Wo willst Du meine Geschichte erzählen?
  4. Halte Augen und Geist offen: Schenk deinem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit. Such nicht nach der Geschichte, die bereits in Deinem Kopf ist, sondern lass Dich von den Geschichten der Menschen finden.
  5. Denke “Dialog”, nicht “Interview”: Das ist kein Verhör! Du willst in Kontakt treten, dann gib auch etwas von Dir preis. Sprich auch Deine Unsicherheit in der Situation an. Vorschlag: Nicht gleich mit blinkendem Aufnahmegerät und surrender Kamera ‘Hallo’ sagen.
  6. Such Dir gute Dolmetscher*innen: Arbeite mit Profis. Such Dir Leute, die Deine Werte und Ansprüche teilen. 
  7. Kenne Deine Rolle: Mach Dir Machtverhältnisse bewusst. Besprich mit Deinem Gegenüber Optionen zu Art, Ort und Zeitpunkt des Gesprächs sowie Abbruch- und Ausweichmöglichkeiten.
  8. Überprüfe Deine Vorurteile: Immer. Und immer wieder.
  9. Sei dankbar: Es ist ein Privileg, dass Menschen ihre Geschichte mit Dir teilen.
  10. Überlege: Habe ich mir jetzt wirklich genug Zeit genommen?

Zum Weiterlesen:

Stefan Schauhuber

Macht nichts lieber, als die Geschichten von Menschen weiterzuerzählen. Stefan wirkt und werkt als Journalist und seit mehr als 10 Jahren für NGOs. Er schätzt das geschriebene Wort, das bewegte Bild und das kreative Hirn.

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